1. Das Geheimnis
Die Nacht umgab mich, düster, still und mondlos.
Ich versuchte meine Sinne noch mehr verschärfen, meine Augen zu zwingen irgendetwas zu erkennen, meine Ohren dazu zu bringen jedes kleinste Geräusch wahrzunehmen und auch zu orten, meine Nase den Geruch des Waldes aufzudrängen, doch es half nichts. Kein Laut, keine Gestalt, kein Geruch. Es schien alles so eindeutig. Ich spürte die Nacht über mir und doch weigerte sich mein Verstand sie anzuerkennen.
Von einer Sekunde auf die Andere nahmen meine Augen den Schemen war, der Geruch stieg in meine Nase und das Knacken der Äste unter den Füßen des Schattens erfüllte meine Ohren.
Ich setzte mich gegen meinen Willen in Bewegung, raste auf mein Opfer zu, packte es – es schrie nicht – und biss ihm in den Hals.
Schreiend wachte ich in meinem gemütlichen Bett auf, schweißnass und mit zerzausten Haaren. Die Decke hing halb von der Bettkante herunter und legte meinen Oberkörper frei. Ein kühler Luftzug streifte mich und meine Nackenhaare stellten sich auf.
Mein Schrei verhallte in dem leeren Haus.
Der Traum verzog sich langsam aus der Realität und ich kehrte in die Wirklichkeit zurück. Fluchend schob ich meine Beine vom Bett. “Verflucht, verflucht, verflucht.”
Ich starrte auf die Uhr und erkannte, dass es erst fünf Uhr morgens war. Mit schlechter Stimmung torkelte ich langsam zu meinem Zimmerfenster und schob den Vorhang beiseite.
“Wolken. Wenigstens etwas positives”, bemerkte ich als ich in den grauen Himmel blickte. Ich ging zu meinem Kleiderschrank und holte ein paar Jeans und ein Hemd heraus. Flink zog ich mich um und machte mich auf den Weg ins Bad. Als ich in den Spiegel schaute, blickte mir ein blasser 16-jähriger schwarzhaariger Junge mit dunkelblauen Augen, schmalem Gesicht und gerader Nase entgegen.
Meine Haare stand in alle Richtungen, also holte ich die Bürste und versuchte meine Frisur zu richten. Meine Haare lagen nach ein paar Bürstenstrichen immer noch verwirrt auf meinem Kopf und teilweise über meiner Stirn. Schnell strich ich mir die Strähnen aus meinem Gesicht, doch kaum lagen sie so wie ich wollte, fielen sie auch schon wieder zurück in ihre alte Position. Verärgert schmiss ich die Bürste wieder in den Korb neben dem Waschbecken und begann mir die Zähne zu putzen und mein Gesicht zu waschen.
Bereit für die Schule setzte ich mich in die Küche, die direkt unter meinem Zimmer lag. Ich verschränkte die Arme auf den dunkel lackierten Buchenholztisch und legte meinen Kopf darauf.
Ich schielte zur Uhr über der Tür hinauf und ärgerte mich darüber, dass ich noch so viel Zeit hatte. Mein Blick schweifte über die Holzverkleidung der Küche und langsam kroch der Traum von letzter Nacht wieder zurück in meine Gedanken und bereitete mir Kopfzerbrechen.
Ich hatte es so lange ausgehalten, so lange war ich total immun gegen den Geruch von Blut und nun änderte sich alles. Immer öfter brach in meinen Träumen die Blutlust aus mir hervor und immer öfter spekulierte ich in meinen Gedanken diesen Taten nachzukommen.
“Verflucht, verflucht, verflucht!”, schimpfte ich mich wieder, “Was fällt dir ein, überhaupt darüber nachzudenken”
Schon als Kind wurde ich gelehrt meinen Vampirinsinkten zu widerstehen und
ein normales Menschenleben zu führen. Ich aß normales Essen und mein Körper verlangte nach einiger Zeit immer weniger nach Blut. Mittlerweile war ich so weit, dass ich nur eine Blutkapsel pro Monat brauchte. Ich lebte normal so weit es ging. Ich gehe auch in die Schule, an den Strand und ins Kino mit meinen Kumpels.
Viele Geschichten sagen, dass wir Vampire empfindlich auf Sonne sind und deswegen nur nachts rauskommen. Teilweise stimmt es ja, wenn wir uns zu lange der Sonne aussetzen wird unsere Haut rissig und bricht auf. Nicht gerade schmerzfrei wie man sich denken kann, aber vermeidbar. Mit langen Ärmeln und Jeans, meinem coolen schwarzen Hut und Sonnenbrillen geht das schon. Auch wenn mich die Anderen dann fragen, ob mir nicht heiß sei, spüre ich nichts von der Wärme, da meine Körper eigentlich tot ist und kein Blut mehr produziert, welches mich wärmen könnte.
Im Großen und Ganzen bin ich ein Vampir mit Macken und zwar großen.
Meine Eltern waren Menschen und als sie erfahren haben, dass ihr vier-jähriger Sohn von einer Fantasiefigur gebissen und somit auf ewig verdammt wurde, taten sie alles um ein normales Leben weiter zu führen.
Die Vampire waren darüber nicht so glücklich, dass Menschen ihre Schöpfung für sich behalten und umprogrammieren wollten.
Es gab viele Konflikte und Diskussionen unter ihnen was nun mit mir geschehen sollte, doch alle waren sich in einem Punkt im Klaren: Meine Eltern würden ihren Plänen nur im Wege stehen.
So beschlossen die Vampire sie aus dem Weg zu räumen. Eines Nachts kamen sie zu dritt und saugten meinen Eltern vor meinen Augen sämtliches Blut aus den Adern, so dass sie weder lebendig noch Tod hätten weiterleben können. Dies verstärkte nur meine Abscheu gegenüber meiner Rasse und ich beschloss mich weiterhin als Mensch auszugeben. Warum mich die Vampire unbedingt am leben lassen wollten sagten sie mir nicht, aber sie ließen zu, dass meine Psyche einen heftigen Knacks abbekam. Ich zog mich zurück und unternahm immer weniger mit meinen Freunden. Versorgt wurde ich von meiner Vampir“familie”. So lebte ich einsam bis heute ohne wirklich mitzubekommen, dass ich am Leben war und alles was es so versprach blieb mir verschlossen.
Dies alles sollte sich bald alles ändern, doch davon wusste ich momentan noch nicht.
Denn jetzt, um 5:40 mache ich mir Gedanken darüber, wie lange ich es noch schaffen würde zu überleben ohne einen Menschen zu attackieren, ohne ihn zu einen meinesgleichen zu machen und ihn so auf ewig zu verfluchen. Ich verzog meinen Mund und gab ein Seufzen von mir.
5:40. Ich merkte mir die Zeit so genau, weil um diese Zeit der silberne 2er PKW mit Ladefläche vor meinen Haus anhielt.
Weil um 5:40 ein Mädchen aus diesem Laster ausstieg, welches mein einsames Leben aufwühlen sollte.
Weil um 5:40 die Finsternis und das Licht beschlossen haben einen Krieg gegeneinander zu führen.
Ich spitzte meine Ohren.
„So früh und schon Besuch“, fragte ich misstrauisch in die Stille hinein, die von dem PKW-Geräusch unterbrochen wurde.
Ich erhob mich aus meinen Sessel und schlich zur Tür. Es war nicht mal eine Sekunde die brauchte um dort zu sein.
„Komisch, meine Sinne werden immer schärfer und meine Reaktionen
auch. Noch ein Grund zur Sorge“, murmelte ich in mich hinein.
Als ich die Tür öffnete, wehte mir eiskalter Frühlingswind ins Gesicht. Eine dünne Nebeldecke schwebte über dem Boden und Vögel zwitscherten auf den knospenden Bäumen. Die aufgehende Sonne blieb heute aus, stattdessen zierten hellgraue Regenwolken den Himmel und tauchten die Gegend um das hellblaue Haus in ein düsteres Licht.
Das zuschlagen einer Autotür durchbrach, die idyllische Stille.
Das Erste was ich sah, waren schwarze, lange und gelockte Haare und ein Rücken der in einen roten Mantel gehüllt war. Als sich das Mädchen, ich nahm an, dass es ein Mädchen war, umdrehte, betrachtete sie mit einem zufriedenen Lächeln die Umgebung.
Meine immer besser werden Augen erfassten sofort ihr Gesicht und analysierte jede Pore. Ihre blauen Augen durchforsteten den Wald, die Felder und was sich sonst noch um das Haus befand, mit einem warmen und ebenso scharfen Blick. Ihre dünnen zarten Lippen waren zu einem freundlichen Lächeln verzogen und ihre schwarzen Locken umspielten ihr schmales Gesicht.
Aus dem blauen Auto, welches mich so früh störte und mir dieses Mädchen vor die Tür gesetzt hatte, stieg noch eine zweite Person aus. Groß und schlank. Der Mann war in einen dunklen Anzug gekleidet. Sein markantes Gesicht wurde von großen, böse blickenden Augen geschmückt die einen dunkelbraunen Ton annahmen. Auf seinem Kopf saß braunes nach hinten frisiertes Haar und ein Dreitagebart zeichnete sich um seine vollen Lippen. Er ging zum Kofferraum des Autos und holte zwei große Koffer heraus. Sie sahen voll gestopft und schwer aus, doch der Riese trug die Koffer mit einer Leichtigkeit, die selbst mich erschreckte – mich, einen eingefleischten Vampir, der selbst dieses Auto hätte ziehen können. Mit großen Schritten, näherte sich der Riese dem Haus. Als der Typ, welcher mit seiner Größe die Vögel verschreckte, an dem zierlichem Mädchen vorbei ging, wandte es seinen Blick von den Wiesen und Feldern ab und hüpfte auf mich zu. Ihr Blick streifte, über das Haus.
Das Haus meiner Eltern, naja eigentlich ist es ja jetzt meins – ich liebte es, nicht nur weil blau meine Lieblingsfarbe ist. Dieses Haus enthält meine ganze Kindheit und die Erinnerung an meine Eltern.
Das Mädchen betrachtet nun den ersten Stock, in dem die Schlafzimmer sind. Sie musterte die verdorrten Blumenkästen vor den Fenstern und ihr Grinsen wurde frech. Sie schüttelte leicht den Kopf, dann wanderte ihr Blick zu der Verander im Erdgeschoß über die kleine Hollywoodschaukel, die schon seit Jahren nicht mehr benutzt wurde, und schüttelte nochmals den Kopf. Nun schaute sie mich an und meinte: „Wie kann man nur so ein schönes Haus so vermodern lassen?“
Ihre Stimme war hoch und klang wie ein leiser Singsang.
Als sie meinen leicht verstimmten Blick sah, machte sie keine Anstalten zu erklären was sie hier suchte und redete fröhlich weiter: „Naja, da muss ich wohl Hand anlegen. Aber zuerst brauche ich eine Unterkunft. Los Sike, suchen wir ein Zimmer!“
Sike folgte ihr stumm und schaute mich nicht mal an, fragte mich nicht oder tat sonst irgendetwas um die Situation zu erklären. Er trat an dem Mädchen vorbei und stieß die Tür auf. Perplex stand ich daneben, während zwei wildfremde mein Haus besiedelten. Nachdem ich für ein paar Minuten verdattert in den Eingang gestarrt hatte, lugte der Kopf des Mädchens hervor und fragte mich: „Willst den ganzen Tag da draußen stehen? Komm rein“
Ich fand meine Stimme wieder und schaffte es ihr die Meinung zu sagen:
„Das ist MEIN Haus und ich bestimme wer hier ein- und ausgeht!“
„Aha. Ok, dann werde ich immer fragen ob meine Freunde kommen dürfen, wenn ich welche einlade.“, und mit diesen Worten verschwand sie wieder im Inneren.
Na sehr wirkungsvoll war das ja nicht. Unter „jemanden die Meinung sagen“ verstehe ich etwas anderes. Verwirrt trat ich ins Haus und schaute mich nach den beiden neuen Mitbewohnern um.
„Ist dieses Zimmer noch frei?“, fragte das Mädchen von den Treppen hinunter und zeigte auf die Tür des Elternschlafzimmers.
„Nein“, gab ich schlecht gelaunt zurück.
„Dann muss ich wohl in deinem Zimmer schlafen.“
„Auch schon vergeben, denn da schlafe ICH drinnen. Und sonst gibt es keine weiteren Zimmer die frei sind.“
Sie kam die Stiege hinunter und ich hielt ihr schon unfreundlich die Tür auf, damit sie endlich verschwinden konnte, aber anstatt einfach durch die Tür zu gehen und sich mit ihrem großem Freund vom Acker zu machen, schlug sie mit einer Handbewegung die Tür wieder zu und lehnte sich zu mir vor. Ihr Blick wurde eindringlicher, nicht mehr freundlich, doch ihr Lächeln blieb. Nur jetzt war es eiskalt.
Mit diesem gruseligen Gesichtsausdruck hauchte sie mir ins Gesicht: „Warum denn so schlecht gelaunt? Ich will mir doch nur ein Zimmer mieten und da dein Häuschen die meisten Vorrausetzungen erfüllt, werde ich hier wohnen. Verstanden?!“
Ich schluckte und fasste Mut um ihr etwas entgegen zu halten. Gegen so wirkungsvolle Worte war das gar nicht so leicht. Ich setzte eine genervte Miene auf und erwiderte kühl:
„Dies ist MEIN Haus und ICH vergebe hier die Wohnungsschlüssel!“
Meine unerwartete Entschlossenheit zeigte seine Wirkung, denn der Blick des dauerglücklichen Mädchen, vereiste sich noch mehr und sie zischelte, einer Schlange gar nicht so unähnlich: „Hör mir mal gut zu, mir wurde aufgetragen mich hier in diesem Haus einzuquartieren und da ich diese, sagen wir einmal Anweisung, von ganz oben habe, werde ich sie auch befolgen. Mir ist vollkommen egal, ob da mal früher deine Mami und dein Papi geschlafen haben, denn ab heute ist es mein kleines privates Reich und falls du irgendwelche Einwände hast, wird sich meine großer Freund Sike um diesen Einwand kümmern.“
Ich schaute zu Sike, welcher nun seine Faust knetete und mich böse anlächelte.
„Verflucht sollst du sein!“, fauchte ich sie an und ging zurück in die Küche.
„Verflucht? Schön wär’s“, rief sie mir hinterher.
Verwundert drehte ich mich um, doch da war sie schon wieder in den ersten Stock gehopst und ihr Freund trottete ihr hinterher.
In der Küche setzte ich mich wieder auf meinen Sessel und schaute nachdenklich aus dem Fenster.
„Verrückte Nervensäge. Wieso musste sie mir mein Leben so schwer machen?“
In meinem Kopf schwirrten Fragen umher. Wer oder was ist dieses Mädchen? Keine Ahnung. Was will sie hier? Ich weiß es nicht. Warum muss sie hier wohnen? Weil man es ihr befohlen hat. Und wer ist der Typ, der ihr das befohlen hat? Wieder weiß ich es nicht. Eigentlich weiß ich absolut nichts über sie und ihren start aussehenden Bodyguard und trotzdem lasse ich sie hier wohnen.
Na wenn das nicht ein Zeichen von allgemeinem Desinteresse ist, aber warum
mach ich mir dann so viele Gedanken über sie?
Irgendetwas stimmte nicht an ihr, ich wusste jedoch, dass ich keinen blassen Schimmer was es war.
Mein Blick schweifte zu Uhr. Der Schulbus würde gleich kommen und ich hab’ zwei Fremde in meinem Haus die was-weiß-ich-was damit anstellen können. Langsam erhob ich mich von meinem Sessel und machte mich auf den Weg zu dem Schlafzimmer meiner Eltern, oder wer auch immer jetzt darin jetzt schläft. Als ich an den Treppen ankam, hörte ich den Motor eines Autos und als ich rauslugte sah ich den Riesen wegfahren. Verblüfft, stapfte ich die Stufen hoch und klopfte an der Zimmertür.
„Herein“.
Langsam öffnete ich die Tür.
In der Mitte saß das Mädchen am Boden und lies ihre Finger in der Luft im Raum umherschweifen und murmelte etwas dazu. Als ich sie verdattert ansah meinte sie nur: „Raumplanung. Keine Angst, es sind keine Zaubersprüche“
Mein Blick änderte sich nicht.
Das Mädchen wandte sich wieder ihrer „Raumplanung“ zu und blieb bei dem Himmelbett meiner Eltern hängen: „Schönes Bett. Ich werd’ es glaub ich behalten.“
„Äh…ja, wenn du willst. Ähm, ich wollte dich nur fragen was du machst während ich in der Schule bin?“
Sie schaute mich an, als hätte ich eine der dümmsten Fragen gestellt, die sie je gehört hätte: „Na ich bleib hier, was hast du denn geglaubt? Dass ich mit in die Schule komme? Das kommt erst morgen dran.“
„Äh…ok.“
„Ich wird von mir aus auch kochen…wenn es dir nichts ausmacht es dann auch zu essen. Meine Kochkünste sind nicht besonders.“
„Nein, nein. Danke – “
„Mein Name ist Sira.“, mit diesen Worten sprang sie auf und reichte mir die Hand.
„Ich heiße – “
„Ryan. Ich weiß“
Mit diesem Handschlag schlossen wir vorerst Frieden.
Eine unangenehme Stille breitete sich aus. Der Bus würde gleich da sein, also nutzte ich die Chance, wenigstens eine der unbeantworteten Fragen zu stellen. Ich dachte kurz nach, was ich fragen sollte und entschloss mich für die wichtigste: „Wieso wohnst du eigentlich hier.“
Sie schaute in die Leere
„Das hab ich doch eh schon gesagt, oder? Es hat die besten Voraussetzungen.“
„Und die wären?“
„Es lebt ein süßer Junge drin?“, grinste sie mich nun an, doch ihr Blick schweifte sofort wieder ab, „Mehr kann ich dir momentan noch nicht sagen“
Blöde Heimlichtuerei! Wenn sie sich mysteriöser und interessanter machen will, braucht sie schon mehr als nur eine unbekannte Vergangenheit.
Von draußen hupte nun der Schulbus.
Meine Augen verharrten weiter auf ihrem Gesicht.
Als sie bemerkte, dass ich noch immer auf Antworten wartete und ich dazu sogar bereit war die Schule zu schwänzen, schob sie mich Richtung Zimmertür.
„Wir reden später“, und mit diesen Worten schloss sie die Tür hinter mir.
Der Bus hupte noch einmal. Ich rannte in mein Zimmer, schnappte meine Schultasche und lief hinaus.
„Warum denn heute so nachdenklich Ryan? Zu niedrigen Blutzuckerspiegel
um sich auf die Schule zu konzentrieren?“, lachte William.
Er war mein bester und einziger Freund. Wenn ich ihn verloren hätte, wäre ich heute nur noch ein lebender Toter, ohne Geist und Seele. Eine leere Hülle, sozusagen. Also entschloss ich mich ihn einzuweihen. Nachdem er aufgehört hatte, mich wie ein Monster zu behandeln, fing er an sich über meinen „Zustand“ lustig zu machen.
Es lag gerade eine lange Stunde Geschichte hinter uns. Da ich das Läuten überhörte und noch auf meinem Sessel saß, während alle anderen sich Richtung Pausenhalle aufmachten, musste Will mich wieder in den Schulalltag zurückholen.
Er hatte blondes, etwas längeres Haar, welches er immer mit einem Seitenscheitel trug.
Sein Gesicht wurde von vielen als „Engelsgesicht“ bezeichnet, weil es jünger aussah als es eigentlich war. Viel zu zarte Züge.
Ich murmelte ein kaum hörbares „Nein“ und erhob mich aus dem Sessel.
Gelangweilt stopfte ich meine Bücher in die Tasche. Während wir in den Gängen umher irrten und auf unsere nächste Stunde warteten, schilderte ich Will die Geschehnisse von heute Früh.
„Sieht sie wenigstens gut aus?“, fragte William
„Mir doch egal. Es geht hier darum, dass sie einfach so bei mir einzieht, ohne zu fragen!“
„Wenn du sie nicht magst, darf ich dann mal einen Blick auf sie werfen? So wie du sie beschrieben hast, scheint sie ja sehr hübsch zu sein.“
Als ich die Augen verdrehte, fügte er schnell hinzu: „Schauen kostet ja nichts, Ryan.“
„Von mir aus. Komm heute nach der Schule zu mir, dann kannst du sie kennen lernen.“
Neben mir machte Will eine siegessicheren Sprung und rief: „Ja! Danke, Mann. Du hast was gut bei mir.“
„Lass gut sein, Will. Es is’ ja kein Date.“
„Aber immerhin ein Anfang“
Den Rest des Tages hatte Will ein siegessicheres Lächeln augesetzt.
Will war meistens guter Laune. Er war genau das Gegenteil von mir, deswegen wollten viele wissen wie er es nur mit mir aushielt. Doch er antwortete immer dasselbe: „Wenn ich nicht wäre, wurde der Typ ja versauern und das wollen wir doch nicht.“
Ja ich würde versauern, aber ob das irgendjemanden interessieren würde, bezweifle ich.
Es läutete zum Schulende und alle machten sich hektisch auf um zu den Bussen zu kommen. Auch ich hatte es eilig. Will stolperte mir hinterher, bemüht nicht in die Leute hineinzulaufen.
Ich sauste ohne Probleme an den anderen Schülern vorbei, doch als ich um die Ecke bog, stieß ich mit einem Mädchen zusammen.
Ich stolperte leicht nach hinten und sie ruderte mit den Armen um nicht hinzufallen. Vergeblich. Mit einem leisten Schrei ließ sie ihre Bücher und die Tasche fallen um sich rechtzeitig mit den Händen abzustützen.
„Auh!“, jammerte sie. Sie schüttelte ihre schulterlangen braunen Haare zurecht, bis die Locken wieder richtig saßen. Schnell bückte ich mich um ihr die Bücher auf zu heben. Auch sie klaubte sich wieder ihre Sachen zusammen und stand wackelig auf. Als ich ihr die Bücher reichte, lief sie im Gesicht rot an und nuschelte: „Danke“
Sie musterte mich schüchtern mit ihren dunkelbraunen Augen.
„Nichts zu danken. Eigentlich muss ich mich entschuldigen.“
Ich verabschiedete mich schnell und machte mich wieder auf den Weg.
Als ich im Bus saß und William außer Atem neben mich setzte grinste er mich an.
„Was?!“, fuhr ich ihn an
„Die Kleine mag dich“
„Halt den Mund und kümmere dich lieber um deine eigenenProbleme“, sagte ich und deutete auf ein blondes Mädchen, welches eine Bluse und einen dazupassenden rosa-weißen Mini-Faltenrock trug. Sie kam auf uns zu, doch hatte sie nur Augen für Will.
„Oh nein!“, murmelte William bevor sie sich an ihn wandte und mit ihrer verführerischen Stimme versuchte meinen Freund zu umgarnen: „Hi Will.“
„Hey Natalie“, sagte Will mit gespielter Freundlichkeit.
Sie lächelte zufrieden: „Ich wollte dich fragen ob du nicht Lust hättest zu mir zu kommen und mir mit Mathe zu helfen, anstatt mit dem da“, sie musterte mich mit einem missbilligendem Blick, „rumzuhängen.“
„Tut mir wirklich leid Natalie, aber >der da< hat eine neue Mitbewohnerin und ich möchte sie gerne in unserem netten Städtchen willkommen heißen. Da müssen wir die Nachhilfe leider verschieben. Frag doch Tod ob er dir helfen will, der is’ doch ein Matheass“
Natalie verzog ihr Gesicht, über die offensichtliche Abfuhr und setzte sich schmollend zu ihrer Untergebenen Freundin.
Wir grinsten uns gegenseitig an und der Bus fuhr los.
Nach 20 Minuten fahrt hielt der Bus endlich vor meinem Haus. Will, saß schon ganz ungeduldig auf seinem Sitzt. Kaum kam der Bus zum stehen sprang er auf und stürmte raus. Ich hetzte ihm schnell hinterher, vorbei an den wenigen Schülern die noch mitfuhren.
Als ich mein Haus sah, erkannte ich es kaum wieder. Blaue und weiße Blumen zierten nun die Blumenkästen unter den Fenstern, auf der Hollywoodschaukel lagen gemütliche Polster und ein kleines Tischen stand davor.
Neben der kleinen Stiege, die zur Verander rauf führten stand ein Blumentopf mit einem roten Rosenstock.
Will wollte an der Tür klingeln, doch da wurde ihm schon von innen geöffnet.
Sira stand lächelnd in der Tür und begrüßte den unerwarteten Besuch.
„Guten Tag, ich hätte nicht erwartet so eine wunderschöne Blume in so einer düsteren Gegend zu treffen.“, schmeichelte Will.
Oh, Will! Du bist so ein Casanova!
Sira war sichtlich erfreut über das Kompliment. Sie wandte sich an mich: „Wer ist dein charmanter Freund?“
„Ach das ist -“
„Will. William Stuart. Sehr erfreut ihre Bekanntschaft zu machen“, unterbrach mich Will
„Halt’s zam Will!“, fuhr ich ihn leicht an
Will schenkte mir einen giftigen Blick.
Kichernd beobachtete Sira uns.
Mein Freund trat nun zu mir, mit ernster Miene: „Willst du mir meinen Auftritt vermiesen?!“
„Dein Auftritt war mehr als nur unnötig“, fauchte ich zurück.
„Meine Herren“, rief Sira zu uns hinüber, „wollen wir uns nicht
hineinbegeben? Ich mach uns etwas Schönes zu essen und wir können uns alle wieder beruhigen.“
Sofort drehte sich William um und schritt schnell zur Haustür.
„Na das wird noch was“, dachte ich mir und machte mich ebenfalls auf den Weg
Im Haus duftete es ungewohnt gut nach frisch gebackenem Backwerk.
Als ich in der Küche ankam, erwartete mich ein Tablett mit noch warmen Marmeladenkeksen. Will saß am Küchentisch und machte Sira schöne Augen, welche gerade sich bemühte Tablett und Teller auf den Tisch zu verfrachten. Schnell nahm ich ihr die Teller ab, die bereits drohten ihr aus der Hand zu gleiten und stellte sie auf den Tisch.
„Danke, Ryan“, lächelte sie mich an
„Gern doch“´, sagte ich mit gelangweilter Miene
„Jetzt sei doch nicht so ein Miesepeter!“, munterte mich Will auf, „Nimm dir einen Keks und setzt dich zu uns.“
Will hielt mir einen Keks entgegen. Schnell schnappte ich ihn mir und schob ihn in meinen Mund. Er schmeckte wirklich unglaublich gut, doch selbst diese guten Kekse konnten meine Laune nicht wirklich heben.
„Leg’ schnell meine Tasche ab. Komm gleich“, sagte ich und verschwand Richtung Treppe.
„Ist er immer so … schlecht gelaunt?“, hörte ich Sira leise fragen.
Ich war mir sicher, dass Will mit dem Kopf nickte, denn nach einer kurzen Pause hörte ich Sire ein leises „Oh“ flüstern.
Schnell rannte ich die Treppen hoch und in mein Zimmer. Ich schmiss die Tasche irgendwo hin und ließ mich auf mein Bett fallen. Zur Decke starrend ließ ich die Gedanken durch meinen Kopf schwirren. Ich musste so ziemlich lange gelegen sein, denn als es zum Dämmern begann, hörte ich Will von unten „Tschüss Ryan“, rufen. Die Tür fiel ins Schloss und ich hörte wie Sira wieder in die Küche ging
Ich sprang auf und wollte Will noch hinterher rennen. Doch als ich zur Zimmertür des ehemaligen Elternschlafzimmers kam, blieb ich stehen. Langsam öffnete ich die Tür. Das Zimmer war kaum wieder zu erkennen. Die Wände waren in ein blasses Rot gehüllt und vor dem Fenstern hangen weiße Vorhänge. An der linken Wand standen die alte, weiße Kommode meiner Eltern und ein dazupassender Schrank. Rechts standen das Himmelbett, und zwei kleine weiße Abstelltischchen. In der Mitte des Raumes war eine kleine Couch in rot und viele weiße Kissen. Perplex ging ich zur Kommode. Ich öffnete eine schmale Lade und stellte erleichtert fest, dass der Inhalt nicht entleer wurde. Ich nahm einen kleinen Bilderamen heraus und betrachtete das Foto. Meine Mutter lächelte mir glücklich entgegen. Sie trug ein wunderschönes Hochzeitskleid. Ihre braunen langen gelockten Haare lagen auf ihren Schultern und der Mann neben ihr, mein Vater, schaute sie verträum an und spielte mit den Locken seiner Frau.
Ich strich über das Bild und kämpfte gegen meine Tränen. Hass stieg in mir auf. Hass auf alle meinesgleichen und ihre Taten.
Nun kullerte mir doch ein nasser und salziger Tropfen über die kalte Wange.
„Es tut mir so leid“, flüsterte Sira leise.
Erschrocken wischte ich mir die Träne weg.
„Reiß dich zusammen, Ryan! Ein Junge heult nicht und vor allem nicht in der Gegenwart eines Mädchens!“, ermahnte ich mich stumm
Ich drehte mich um und tat so als würde ich nicht wissen wovon sie rede. Ich versuchte gelangweilt auszusehen, doch mein Gesicht musste sehr verzerrt ausgesehen haben, denn sie lächelte mich mitfühlend an und meinte:
„William hat mir alles erzählt.“
Zuerst befürchtete ich das schlimmste: Sie weiß es! Sie weiß alles!
Doch dann kam sie auf mich zu und nahm mir das Bild aus der Hand:
„Es ist ein Wunder, dass du bei dem Autounfall überlebt hast. Heute sind es zwei Jahre?“
Erleichterung machte sich in mir breit. Will und ich hatten abgemacht jedem der nach meinen Eltern fragte zu sagen, dass sie bei einem schweren Autounfall ums leben kamen. Ich schaute zu ihr hinab, sie betrachtete das Foto.
„Sie ist wunderschön“
Sira reichte mir wieder das Bild. Ich legte es wieder in die Kommode zurück.
Als ich wieder zu Sira schaute musterte sie mich mit einem eindringlichen Blick.
„Was ist?“
„Nichts, nichts“, schnell wandte sie sich wieder ab.
„Wie waren deine Eltern so?“, fragte sie.
Mein Blick wanderte zur Kommode
„Fürsorglich. Wir verstanden uns eigentlich immer. Natürlich gab es die typischen Auseinandersetzungen zwischen Kind und Eltern, wenn es zum Beispiel ums Fortgehen ging oder um Schulische Aktivitäten. Doch im Großen und Ganzen standen meine Eltern immer hinter mir und respektierten meine Meinung. Wir unternahmen oft Ausflüge in den Wald oder fuhren ans Meer.
Mein Vater zeigte mir wie man mit Werkzeug Wunder vollbringt und meine Mutter lehrte mich den Umgang mit dem Klavier. Ich verstand mich mit jedem, wusste wie man fremden Leuten gegenübertrat und wie man Mädchen schmeichelte. Wir waren die Vorzeigefamilie schlecht hin und ich war ein sehr beliebter Junge. Als meine Eltern starben zog ich mich mehr und mehr zurück.“
Ja ich zog mich zurück um die anderen nicht zu gefährden. Ich wollte mir nicht vorstellen was passiert wäre, wenn ich ein Date mit einem Mädchen hätte und ich sie küssen würde. Oder wenn mich beim Spielen mit meinen Freunden die Kampfeslust überwältigt. Ich war mir sicher: Rückzug ist die beste Verteidigung!
Plötzlich spürte ich wie Sira mich umarmte. Sie tat es vorsichtig, aus Angst ich könnte sie wegstoßen, doch stattdessen stand ich perplex da und kämpfte wieder gegen dieses blöde Trauergefühl.
Plötzlich erfüllte mich ein kaum spürbares Verlangen nach Blut. In diesem Moment zuckte Sira zusammen. Sie löste ihre Umarmung schnell und sagte hastig: „Äh ich schau schnell was ich alles morgen für die Schule brauche. Kann ich den Computer im Wohnzimmer benutzen?“
Sie schnellte zur Tür.
„Ja. Aber du musst sowieso deine Sachen morgen im Sekretariat abholen“
„Jah…ähm, ich will nur wissen was mich erwartet“, sagte sie noch und verschwand aus dem Zimmer.
„Was war das?“, wunderte ich mich.
Ein komisches Gefühl in mir sagte, dass sie etwas gemerkt hatte, doch ich unterdrückte dieses: „Das geht doch gar nicht.“
Ich ging aus dem Zimmer. Am Treppengeländer blieb ich stehen und horchte. Leises und schnelles Tippen war zu vernehmen. Ebenfalls bildete ich mir ein jemanden hastig flüstern zu hören. Schnell schüttelte ich meinen Kopf und machte mich auf den Weg in mein Zimmer.
Meine Augen wanderten nun auf den Kalender, der über meinem Bett hing.
Ein roter Ring schmückte die Zahl des Montag den 9. . Meine Finger glitten über die Daten und blieben beim 25. stehen. Ich nahm den roten Stift vom Nachttischchen und ringelte die Zahl ein.
„Nicht mal drei Wochen Abstand“, sagte ich und stieß einen leisen Fluch aus.
Nachdenklich ließ ich mich aufs Bett fallen.
„Ich warte noch einen Tag. Vielleicht geht es vorbei“, redete ich mir ein.
Ich wachte keuchend auf.
„Wieder dieser Traum“, dachte ich.
Er hatte sich verändert. Diesmal sah ich mein Opfer, zwar nicht klar und deutlich, aber ich erkannte ein Mädchen mit schwarzen Haaren. Erschrocken zuckte ich zusammen.
„Sira!“ hauchte ich in die Stille. Nervös schaute ich auf die Uhr. Zwei Uhr nachts. Ich streifte mir die Decke von den Beinen und tapste müde Richtung Tür. Vorsichtig lugte ich in den Gang. Völlige Dunkelheit. Schnell schlich ich an den Türen vorbei und rannte die Treppe hinab.
In der Küche huschte ich zum Gefrierfach des Kühlschranks und klaubte ein rotes Röhrchen heraus. Meine Finger zitterten als ich den Verschluss öffnete. Gierig schluckte ich den roten Lebenssaft und sank zittrig zu Boden. Das Blut rauschte durch meine Adern und mein Körper verlangte nach mehr. Ich schlang meine Arme um die Knie und vergrub meinen Kopf darin. Auf meine Lippe beißend kämpfte ich gegen mein Inneres an.
Langsam verschwand dieses ekelhafte Gefühl und Erschöpfung machte sich in mir breit.
Ich blieb so sitzen und nach wenigen Minuten schlief ich ein.
Am nächsten Morgen weckte mich eine süße Stimme: „Seit wann sitzt du denn hier schon?“
Ich schaute auf und nahm die Tasse Tee die man mir entgegenhielt. Vorsichtig nippte ich daran. Ich spürte wie der Wärme des Tees die Speiseröhre passierte und im Magen verebbte.
Ich blickte auf und sah wie Sira mich in ihren roten Pyjama angrinste. Ihr schwarzes Haar hing ihr über den Schultern. Ich zuckte zusammen.
„So weit darf es nicht kommen.“, sagte ich mir.
Ich nippte wieder an meinem Tee als Sira mir ihre Hand reichte. Zögernd nahm ich sie an und stand auf. Jeder Knochen in mir schmerzte ich stieß einen leisen Schrei aus.
„Anscheinend sitzt du schon sehr lange da. Was tust du überhaupt hier?“
Sira blickte neben mir auf den Boden. Dort lag noch immer das Röhrchen von heute Nacht.
Hastig hob ich es auf und sagte schnell: „Medikamente“
Vorsichtig musterte sie mich und das Röchen, schnell zog sie ihre Hand aus meiner und machte Frühstück.
Ich saß schon fix und fertig im Wohnzimmer und wartete auf den Bus, als Sira ins Zimmer kam. Sie hatte eine Jeans und eine Hüftlange grüne Weste an. Ihre Haare hatte sie hochgesteckt. Verwundert schaute ich sie an.
„Na ich muss ja auch noch in die Schule, Dummerchen“.
„Nenn’ mich nicht Dummerchen, sonst leg ich kein gutes Wort bei Will ein“, sagte ich.
Sira lachte. Draußen hupte der Schulbus. Wir schnappten uns unsere Taschen und Jacken und traten ins Freie. Draußen regnete es in Strömen und wir rannten zum Bus.
Schnell setzten wir uns auf zwei freie Plätze. Die anderen Schüler musterten Sira neugierig, doch diese ließ sich davon nicht beirren: „Wo ist den nun dein Freund William?“
„Der fährt mit einem anderen Bus in die Schule“, antwortete eine Stimme hinter uns
Wir drehten uns um und ich blickte in Natalies blaue schmale Augen. Sie funkelte mich an, dann wandte sie sich an Sira und meinte giftig: „Du bist also die neue, hm? Ich warne dich: Komm mir nicht in die quere!“
„Wenn ich dir nicht die quere kommen soll, musst du leider einen Umweg gehen.“
Ich blickte Sira verständnislos an. Natalie dagegen verzog ihre Augen zu schmalen Schlitzen und fauchte sie an: „Wegen dir werde ich sicherlich keine Umwege gehen und übrigens: Ich bekomme immer das was ich will“, mit diesen Worten lehnte sie sich zurück und vertiefte sich wieder in ihr Buch.
„Uhu, hab ich Angst“, flüsterte Sira zu mir.
Ich machte sie darauf aufmerksam, dass Natalie eine der einflussreichsten Personen in der Gesellschaft unsere Schule ist und das mit ihr nicht zu spaßen ist. Doch sie grinste nur und freute sich auf das spannende Schulleben, welches ihr bevorsteht.
Sie schüttelte sich ihre Haare um die restlichen noch trockenen Strähnen vor den Regentropfen zu schützen, welche auf ihren Locken lagen. Natalie schien das nicht besonders zu gefallen, denn sie schrie auf als die Tropfen sie erreichten.
Die restliche Busfahrt verbrachten wir, indem Sira mich ausfragte, wie in der Schule alles abläuft und vor wem sie sich in Acht nehmen muss und wer den Ton in der Schule angibt.
Als wir aus dem Bus ausstiegen und uns den Strom aus Schülern, welche Richtung Klassen rannten damit sie nicht nass werden, folgten und aus ihr noch immer tausende Fragen heraussprudelten, verdrehte ich die Augen und sagte genervt: „Finde es doch selbst heraus.“
Sie blickte mich flehend an, doch da schob ich sie ins Sekretariat und verabschiedete mich. In der Klasse erwartete mich Will ungeduldig.
„Und weiß sie schon ihren Stundenplan? Was nimmt sie alles? Sehen wir sie oft oder selten? Wenn selten, muss ich wissen was sie alles hat, damit ich sie nach den Stunden abholen kann. Wenn oft, umso besser.“, laberte er mich zu.
„Will!“
Er unterbrach seine lauten Gedankenflüsse und schaute mich an
„Ja?“
„Was geht denn mit dir ab? Du kümmerst dich sonst auch nicht so um Mädchen. Wenn du mit einer ein Date hast, rufst du sie dann nicht mal mehr an.“
„Das stimmt doch gar nicht!“, sagte er schnell als sich sämtliche Mädchen im Raum sich nach Will umdrehten, „Ich hab nur nie ihre Nummern“
„Darum geht es nicht. Ich will nur wissen warum du dich so sehr um sie bemühst?“, ich schwieg kurz, dann grinste ich breit, „Hast du dich etwa in sie verliebt?“
„N-Nein! Das stimmt doch gar nicht!“, sagte Will schnell und lief rot an.
Ich lachte auf: „Will der Casanover ist verliebt!“
„Kscht, du Depp! Das müssen ja nicht alle Mädchen wissen!“, fuhr er mich an
Es läutete. Schnell wechselte Will das Thema: „Was haben wir jetzt?“
„Biologie“, grinste ich ihn an
„Grins nicht so blöd.“
Mrs. Cardelini betrat die Klasse, pünktlich wie immer, und begrüßte uns. Will setzte sich neben mich und nahm eines der dicken Lexika die Mrs. Cardelini austeilte. Während sie uns den Arbeitsauftrag erklärte blickte ich seufzend auf den Umschlag: „Lexikon des Menschen, von Augen bis zu den Zellen“
Mir fiel der Vorfall von heute Nacht ein und ich wandte mich zu Will.
„Ich hatte heute Nacht wieder Durst“, flüsterte ich
„Was?!“, sagte er
Ich deute mit der Hand, dass er gefälligst leiser sein soll, damit nicht der Rest der Klasse – und vor allem nicht Mrs. Cardelini – unser Gespräch mithörten
„Ja. Aber das letzte Mal, liegt erst..“, er überlegte kurz, „15 Tage zurück“
„Das ist nicht gut. Wieso passiert –“
„Mr. Stuart. Haben sie etwas der Klasse zu sagen?“, rief die Lehrerin zu uns
„Äh…nein. Ich wollte nur wissen welche Seite“, antwortete Will
„Gar keine! Haben sie mir nicht zugehört?! Wir benutzen das –“
Weiter kam sie nicht denn es klopfte an der Klassentür. Die Sekretärin trat ins Klassenzimmer und hinter ihr stand Sira. Sie flüsterte etwas zur Lehrerin. Sira blickte zu uns und winkte. Alle Schüler drehten sich zu uns um und wir grinsten verlegen.
„Also gut Schüler“, sagte Mrs. Cardelini laut, „das ist unsere neue Schülerin Sira Laundry. Sira bitte setzt dich auf den freien Platz, neben Tom“
Sie zeigte auf den Tisch neben uns. Tom war sichtlich erfreut über die weibliche Sitznachbarin.
„Ich glaube nicht nur dir scheint Sira zu gefallen. Du musst dich anstrengen“, lachte ich leise. Will trat mich unterm Tisch. Sira hielt kurz bei uns und beugte sich zu uns hinab.
„Was für ein Zufall nicht!“, sagte sie frech. Sie drehte sich um, um sich zu setzten, doch sie blieb bei der halben Drehung stehen, wandte sich zu Will und fragte mit gespielter Verwunderung: „Seit wann kann Ryan lachen“
Will blieb stumm, aber Sira schien auch keine Antwort zu erwarten. Sie setzte sich zu Tom und begrüßte ihn freundlich.
Den Rest der Stunde musste ich Will an den Arbeitsauftrag erinnern, da er immer wieder eifersüchtig zu Tom und Sira schaute.
In den nächsten zwei Stunden sahen wir unsere Freundin nicht. Will hat in Erfahrung gebracht, dass sie in Zeichnen ging und dieser Unterricht zwei stunden in Anspruch nahm.
In der 3. Stunde hatten sie und ich Religion, ein Fach das Will nach der 3. Klasse aufgab, da er herausfand, dass man diese Stunde dann frei bekommt. Will verbrachte meistens diese neben den Sportplätzen, wo Mrs. Green die Mädchen auch bei Schnee trainierte. Doch dieses Mal zog er mich vor der Stunde zur Seite und flehte mich förmlich auf Knien an, dass er statt mir in den Unterricht gehen wolle. Ich schob Will von mir weg und erklärte ihm, dass er sich vom Unterricht abgemeldet habe und er nicht einfach so wieder hinzustoßen kann.
Auch der Lehrer, an den sich Will flehend wandte und ihm beteuerte, dass er von Sinnen war, schüttelte den Kopf und sagte: „Wir sind doch kein Selbstbedienungsladen. Du hast dich abgemeldet und jetzt lerne aus deinem frühzeitigem Entschluss!“
Enttäuscht ging Will Richtung Sportplätze und ließ uns allein.
„Was hat er denn?“, fragte mich Sira
„Liebeskummer“, sagte ich ohne zu überlegen. Ich hätte mich selbst Ohrfeigen können für diese Aussage, doch Sira ließ diese kalt.
In der Cafeteria wartete Will schon mit zwei Tabletts voll Essen auf uns.
„Hier für dich Sira“, sagte Will und reichte ihr das Essen. Auf dem Teller sah man ein Naturschnitzel mit Brokkoli und Reis, welcher schon die Form eines Pürees angenommen hatte.
Als ich sah, dass das zweite Tablett für Will bestimmt war fragte ich
enttäuscht: „Und warum hast du mir nichts mitgenommen?“
„Erstens, hatte ich schon beide Hände voll und zweitens bist du hier nicht neu. Das heißt du kennst die Regeln der Cafeteria schon.“, Will grinste mich breit an.
Als ich nach einer Minute immer noch am selben Fleck wie vorher stand drehte er sich wieder zu mir.
„Husch, husch, Sonst sind alle guten Sachen weg und es bleibt nur noch der Fraß von gestern übrig“
Genervt machte ich mich auf und suchte das Ende der langen Essensschlange.
Plötzlich zupfte jemand an meinem Ärmel. Das Mädchen mit den braunen Locken und den tiefbraunen Augen von gestern deutete mir mich vor sie in die Schlange einzureihen.
„Danke“, sagte ich schnell und huschte in die Reihe.
„Nichts zu danken. Das verdorbene Essen von gestern, kann ich niemanden zumuten“, sie zeigte auf einer rotbraune Brühe in einem großen Topf. Wenn man genau hinhörte konnte man hören wie es im Topf prodelte.“ Ich verzog, geekelt mein Gesicht und bedankte mich noch mal.
„Mandy“, sagte sie und reichte mir schüchtern die Hand
„Ryan“, antwortete ich.
„Ja ich weiß. Dich kennt jeder an der Schule. Der so beliebte Ryan, welcher nach dem Unfall seiner Eltern mit niemanden außer mit dem Typen dort befreundet ist“
Schnell hielt sich Mandy den Mund zu.
„Tut mir leid. Ich weiß nicht warum ich so viel sage, was ich nicht sagen sollte. Zum Beispiel das mit deinen Eltern. Tut mir leid, wenn ich dich verletzt habe“
„Kein Problem“
Mandys Wangen färbten sich rosa. Ich lächelte ihr zu.
„Willst du was zum essen oder stehst du nur dumm da“, fuhr mich die Cafeteriafrau an.
Schnell nahm ich mir einen Teller und verabschiedete mich von meiner neuen Freundin: „Wir sehn uns und nochmals danke für die Rettung“
Mandy winkte mir noch schnell zu, dann wurde auch sie von der Frau hinter den Cafeteriatresen angeschnauzt.
Ich schlenderte wieder zu meinem Tisch zurück und setzte mich zu Will und Sira, die herzhaft lachten. Ich schob mir eine Gabel des Reisbreis in den Mund als mich Will ansprach:
„Du lächelst ja! Seit wann dieses“
„Das ist heute schon das zweite Mal. Pass auf sonst bekommt er noch gute Laune.“, erwiderte Sira frech
Beide lachten.
„Ich hab immer gute Laune.“, meckerte ich
„Ja, ja Ryan. Aber sag, wem soll ich danken, dass er dich zum Lächeln gebracht hat?“, lachte Will weiter.
Schnell suchte ich den Pausensaal nach Mandy ab, dann deutete ich auf einen Tisch am anderen Ende des Raumes.
„Die kleine?“, fragte Will erstaunt, „Was war denn leicht. Hat sie dir ihre Liebe gestanden?“. Er machte einen Kussmund.
Sauer boxte ich will in den Arm.
Sira kicherte neben mir. Ich schenkte ihr einen bösen Blick und brachte sie zum Schweigen.
Genervt erzählte ihnen von der Begegnung bei der Essensausgabe. Sira drängte mich dazu jedes kleinste Detail zu erwähnen. Wie Mandy an meinem Ärmel
zupfte, wie sie sich ihren Mund zu hielt und wie sie rot anlief.
„Sie lief rot an? Was hast du gemacht?“, löcherte Sira mich.
„Gar nichts. Ich hab sie einfach nur angelächelt. Nichts weiter“, die letzten Sätze versuchte ich so schnell wie möglich zu sagen.
Um weiteren Fragen aus den Weg zu gehen, nahm ich mein Tablett und trug es zu den restlichen Leeren.
„Isst du das nicht mehr?“, rief Will mir hinterher.
„Keinen Hunger“, antwortete ich.
Ich ging aus der Halle und machte mich auf den Weg in den Innenhof.
Es regnete nicht mehr doch ein kalter Märzwind zog über die Grünfläche. Es war niemand zu sehen, alle haben sich in die warme Schule zurückgezogen. Ich setzte mich auf eine Bank neben einem Baum und blickte nachdenklich über die Wiese.
Ich ging die letzten zwei Tage durch. Ein mulmiges Gefühlt machte sich in mir breit als ich an die gestrige Nacht denken musste. Ich stützte meinen Kopf in die Hände und versuchte mein Gehirn auszuschalten.
„Zufall“, redete ich mir ein.
Mein Gehörsinn meldete sich. Ich hörte wie jemand leise die Schultür schloss und sich an mich heranschlich. Ich konnte jeden einzelnen Schritt genau hören, jeden Atemzug spüren. Meine Nackenhaare stellten sich auf und meine Nase nahm den Geruch einer bekannten Person wahr.
„Bemüh’ dich nicht Will.“
„Verdammt, woher weißt du das immer?!“
Will setzte sich zu mir
„Wo ist Sira?“, fragte ich
„Wird gerade von den Footballspielern an unserer Schule willkommen geheißen.“, sagte er mit abfälligen Ton, „Aber jetzt sag mir endlich was gestern Nacht los war“
Widerwillig rief ich mir die Erinnerung zurück ins Gedächtnis.
Ich versuchte Will nur das nötigste zu erzählen um das Thema schnell hinter mir zu haben.
„Und Sira hat nichts gemerkt?“, fragte Will zitternd. Er saß ohne Jacke neben mir und bibberte vor Kälte.
„Da wäre ich mir nicht so sicher. Ich weiß nicht, irgendetwas sagt mir, dass mehr hinter ihrer freundlichen Person steckt. Immer wenn ich in ihrer Nähe bin, meldet sich eine tiefste Abscheu aus meinem Inneren. Als wollte ich mich vor irgendetwas warnen, aber ich komm’ nicht drauf was es ist.“
Will schwieg.
Ich fuhr mit meiner Erklärung fort: „Ich mein ja nur, dass sie uns irgendetwas verheimlicht. Es heißt ja nicht gleich, dass ich sie rausschmeiße, es ist ja nur ein Gefühl“
„Und du kannst dich auf dieses >Gefühl< wirklich verlassen?“, sagte Will zornig, „Vielleicht will dein >Inneres< einfach nur ihr Blut. Ich glaube du interpretierst da einfach zu viel rein! Du kommst nicht mit ihr klar, weil sie mit allen anderen auskommt und du nicht. Gib nicht ihr die Schuld an deinem gesellschaftlichem Leben!“
Dann stand Will auf, ging mit schnellen Schritten zur Tür, riss diese auf, schlug diese hinter sich zu und ließ mich allein sitzen.
„Verdammt“.
Schon langsam kam ich mir vor als wäre ich in irgendeine schlechte Serie gefallen. Mein Kopf sagte mir, dass der heutige Tag noch etwas Unerwartetes bringen würde.
Die Glocke läutete, ich blieb sitzen.
Ich hatte keine Lust auf Unterricht. Ich hätte neben Will sitzen müssen und seine miese Laune ertragen müssen. Gerade jetzt wo sich meine ein bisschen besserte.
Auch die nächste Stunde blieb ich in der eisigen Kälte sitzen. Ich dachte über nichts nach, starrte einfach nur ins Leere und wartete auch das Schulende.
Plötzlich, hörte ich wieder die Schultür, zuerst dachte ich Will wäre wiedergekommen um zu sehen wo ich bin, doch ein frischer Frühlingsduft, aus tausenden von Blumen stieg mir in die Nase. Es war nicht das erste mal, dass ich diesen Geruch wahrnahm.
Mandy, setzte sich mit einem schwarzen langen Mantel neben mich und schaute über den grünen Rasen.
„Hey“, sagte sie
„Hi“, murmelte ich
„Ist dir nicht kalt?“
„Nein“
„Du siehst aber sehr blass aus, bist du dir sicher, dass du nicht krank wirst?“
Sie legte ihre Hand auf meine Stirn.
Wärme breitete sich auf meiner Stirn aus. Plötzlich fühlte ich mich wie ein Eisklotz. Mir war so kalt, als würde ich in einer Wanne voller Eiswürfeln liegen. Ich schloss meine Augen und genoss den kleinen Fleck wärme. Ein ungewohntes Gefühl. Mein Herz schlug heftig, sog die Hitze auf, während mein Kopf sich gegen das unnatürliche Gefühl wehrte.
Ein leises Fauchen entkam aus meinem Mund und Mandy starrte mich verwundert an.
Ich schaute sie mit meinen schwarzen Augen sehnsüchtig an. Ein so warmes Gefühl, verhieß gutes Blut. Ich unterdrückte den Instinkt und wandte mich ab.
„Hab ich was falsches gesagt?“, fragte sie unsicher
Ich schüttelte den Kopf „Es ist wegen etwas anderem“, sagte ich schnappte mir meine Tasche und verschwand Richtung Ausgang. Schweißgebadet stand ich auf der Straße und kämpfte gegen mein Verlangen nach Blut. Schnell machte ich mich auf den Weg zur öffentlichen Busstation, denn der Schulbus fährt erst in zwei Stunden. Im Bus sitzend macht ich mir Gedanken über meine besorgniserregende Lust nach dem roten Lebenselixier. Um mich herum saßen eine paar älter Menschen und eine Mutter mit einem Kleinkind. Ich nahm die verschiedenen Gerüche war. Die der alten Menschen waren eher morsch und zäh, wie Holz oder welkendes Grün. Die Mutter roch nach frischem Regen und einem kühlen Gebirgsbach. Doch das King stellte alle Gerüche in den schatten. Es verbreitete einen frischen Geruch von aufblühendem Grün und einer wachsenden Blumen.
Ich krallte meine Finger in den Sitz und atmete durch den Mund. Der Hund der alten Dame neben mir knurrte mich wissend an. Ich schenkte ihm einen warnenden Blick. Der Busfahrer sagte die nächste Stadion an – es war meine. Ich stieg erleichtert aus und machte mich auf den Weg. Es lag noch ein guter Stück Fußweg vor mir, bevor ich noch eine Blutkonserve trinken konnte. „Noch eine“, dachte ich mir besorgt und starrte in den Wolkenbedeckten Himmel. Ein Regentropfen fiel mir auf die Nase und zwei weiter folgten. Schließlich begann es wieder zu Regnen. Als ich um die Ecke bog und mein Haus sah, überkam mich ein unwohles Gefühl. Die Tür stand offen und eine düstere Stimmung ging von den marienblau gestrichenen Wänden aus. Vorsichtig betrat ich den Weg zur Eingangstür. Mein Blick schweifte von Links nach rechts. Niemand zu sehen. Ich trat auf die Verander. Es regnete noch immer auf mich herab, doch ich fühlte nur die Tropfen. Kein Wind war zu spüren, kein rauschen auf den Blättern zu hören. Ich betrat mein Haus und hinter mir fiel die Tür in Schloss. Ich drehte mich um und erblickte eine blasse Gestallt, welche in einen schwarzen langen Mantel gehüllt war. Weiße zerzauste Haare hingen ihm in sein junges Gesicht. Seine schwarzen Augen durchbohrten mich und seine weißen Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. Seine rechte Hand lag auf der Tür, in der Linken hielt er ein dunkles und dickes Buch. Als ich ihn finster anstarrte und ihn anfauchte. Lacht der Mann nur und entblößte seine Vampirzähne.
Plötzlich packte mich eine Hand and der Schulter und zog mich ins Wohnzimmer. Dort presste man mich auf das Sofa. Eine Frau mit blonden langen Haaren stand über mir. Ich versuchte mich zu befreien doch ihre blassen Hände krallten sich in meine Schulter und ich musste aufschreien. Mein Blick wanderte wieder zu dem Jungen Vampir and der Tür. Neben ihm stand dort nun ein zierliches kleines Mädchen. Es legte ihren Kopf an die Schulter des weißhaarigen. Er spielte mit ihren schwarzen Haaren, während sie sich penibel ihr schwarzes Kleid richtete.
„Schön dich wieder zu sehen Ryan“, hauchte mir eine Stimme ins Ohr. Ich drehte mich rasch um. Neben mir erblickte ich das Gesicht eines braunhaarigen Mannes. Er lächelte mich bösartig an. Seine Reißzähne blitzen auf. Ich fauchte ihn an. Die Finger der Frau vertieften den Griff in meine Schulter.
„Lilian, du kannst ihn ruhig loslassen. Er wird schon nicht wegrennen“
Der Schmerz in meiner Schulter ließ nach als die Frau die Finger von mir löste. Wachsam ließ sie sich in den Stuhl hinter ihr fallen. Ihr langer schwarzer Mantel, bedeckte den ganzen Boden. Der Mann neben mir trug einen schwarzen Anzug und hielt in der einen Hand ein leeres Blutröhrchen – das von heute Früh. Ich versuchte es ihm aus der Hand zu reißen, doch mit einer geschickten Bewegung, ließ er es in seiner Hosentasche verschwinden.
„Na, na, na“, sagte er, „Wir Brauchen Beweise um den Antrag zu Brechen. Bedenke, du wirst bald 17 und ich freue mich schon dich dem Clan vorzustellen. Es wird dich sicher freuen zu hören, dass dein Name unter deinesgleichen weit verbreitet ist … als Gruselgeschichte für unsere kleinen. >Es war einmal ein Junge, welcher Auserkoren wurde ein Vampir zu werden, doch dieser wehrte sich gegen sein Schicksal und blieb bei den Menschen. Dort lebt er einsam ohne Freunde. Um unerkannt zu bleiben muss er bei Sonnenschein außer Haus und sonntags in die Kirche und sich mit Weihwasser betröpfeln lassen. Er lebt ein qualvolles Leben und kann nie wieder zurück. <“
Der weißhaarige Junge lachte während seine Freundin mich missbilligend anstarrte.
„Du glaubst doch nicht wirklich, dass die Kinder das wirklich glauben, Asriel“, spottete er
„Auch dir wurde diese Geschichte erzählt und auch du hast einen Schauer bekommen, als dir vom Weihwasser berichtet wurde. Also zügle deine Zunge, Syrion.“, fachte Asriel den Jungen an. Nun wandte sich der große Vampir wieder mir zu: „Du spürst den Drang immer häufiger, hab ich recht? Blutlust. Das muss eine große Herausforderung in der Welt der Menschen sein. Aber bedenke, wenn wir herausfinden, dass du diesem Verlangen nachgehst – “
Er hielt inne. Auch ich lauschte. Fußschritte und ein leises fröhliches Summen waren zu vernehmen. Ich versuchte zu schreien, doch Lilian presste mir ihre kalten Finger auf den Mund und hauchte mir drohend ins Ohr: „Wage es auch nur einen Laut von dir zu geben und dein linkes Ohr wird zu meiner Mahlzeit“ Ich schluckte. Es klopfte an der Tür.
„Ryan?“, rief Sira. Sie öffnete sie langsam. Syrion und seine Freundin verschwanden mit einem bösartigen Grinsen im Schatten der Tür. Sira stand nun im Türrahmen und lugte die Stufen hinauf. „Nicht dort oben! Hier!!“, dachte ich und versuchte ihr irgendein Zeichen zu geben, doch Lilian fauchte mich kaum hörbar an. Ich schielte zu Asriel, er grinste zufrieden und leckte seine weißen scharfen Zähne. „Lauf! Verdammt noch mal Lauf!!“, schrie ich innerlich. Doch sie trat in den Flur. Noch bevor sie mich sah, schloss Syrion die Tür hinter ihr. Seine Freundin huschte hinter Sira und Asriel baute sich groß im Zimmer auf. Die einzige die sich nicht bewegte, war Lilian. Ihr Blick durchbohrte mich und achtete auch die kleinste Bewegung dich machte. Immer bereit anzugreifen.
Ich schaute zu Sira. Verwundert stellte ich fest, dass sie weder geschockt noch hysterisch reagierte. Sie blieb einfach im Flur stehen und schaute sich um. Ihr Blick blieb bei dem weißhaarigem Jungen hängen. Sie starrte ihn nieder. Hielt furchtlos dem hungrigem Blick stand. Syrion wurde immer unsicherer, bis er schließlich aufgab und Sira ansprang. Ich schrie auf, Lilians Zähne näherten sich meinen Ohr, hinter mir fauchte Syrion sein Opfer an. Ich nahm all meine Kräfte zusammen und wandte mich aus den Fesseln der blonden Frau. Ich sprang auf und drehte mich um, um nach meiner Freundin zu sehen. Sira stand noch immer am selben Fleck, unverletzt. In ihrer Hand hielt sie einen langen Stab mit einer Holzspitze. Verwundert sah ich, das Syrion mit einer kohlrabenschwarzen Wunde am Arm in der Ecke lag. Seine Freundin, begutachtete ihn besorgt und begann ihre Rache auszuüben. Sie sprang auf, und stürzte sich auf Sira. Diese wich geschickt aus und schwang den Stab in die Richtung des Angreifers. Doch das Mädchen war wesentlich besser vorbereiteter als Syrion und wich geschickt aus. Sie sprang und führ währenddessen ihre Krallen aus. Sira sah siem doch zögerte sie auszuholen und ihr den todlichen Stich zu geben. Ihr Zögern wurde ihr zum Verhängnis. Noch im Flug holte daas Vampirmädchen aus und erwischte ihr Opfer am Hals. Sira schrie auf. Asriel fauchte die Schwarzhaarige laut an, worauf das Mädchen sich in die Ecke zu ihrem verletzten Schatz zurückzog und ihre Gegnerin giftig anstarrte.
Sira ließ ihren Stab fallen und drückte die Handfläche auf das gerinnende Blut. Sie wusste, dass es ihr Leben kosten könnte, wenn sie das Blut nicht stoppen kann. Jeder Vampir im Raum wich ein Stück näher. Das Mädchen kämpfte gegen den Drang sich wieder auf Sira zu stürzen, doch die anderen Eindringlinge, konnten sich einigermaßen beherrschen. Auch ich, geboren unter Menschen und jeden Tag mit Schnittwunden und ähnlichem konfrontiert, schaffte es mich zu beruhigen.
„Interessant“, sagte Asriel
„Sie ist eine von denen!“, lachte Lilian
Ich schaute Sira verwirrt an. Sie warf mir einen entschuldigenden Blick zu.
Asriel beobachtete sie vorsichtig und verlangte, dass Sira ihren Nacken zeige. Sie schob ihre roten Haare beiseite und zum Vorschein kam ein kleines Tattoo. Es bestand aus einer Sonne. In der Sonne war ein kreuz zu erkennen. Das Tattoo war sehr fein eingearbeitet und ein kleines Kunstwerk. Doch schien das für die Vampire irrelevant zu sein. Sie schrieen leise auf. Lilian ging in die Hocke, bereit anzugreifen, doch da erhob Sira das Wort: „Wenn ihr mich tötet, habt ihr meinen ganzen Clan gegen euch. Ihr würdet keine Woche überleben. Also denkt gut nach bevor ihr handelt.“
Asrile nickte den anderen zu und die zwei Frauen verschwanden aus dem Fenster. Syrion, fauchte Sira an, dann verschwand auch er. Asriel blieb zurück. Er drehte sich zu mir um und hauchte mir ins Ohr: „Vergiss nicht: Kein Blut sonst wird deine kleine Freundin dich um dein Leben bringen“. Er wandte sich zu Sira, verbeugte sich höflich und folgte seinen Freunden. Noch bevor ich irgendeine Frage stellen konnte, verschwand Sira im Badezimmer. Während ich hörte wie ein paar Medikamente hin und hergeschoben wurden, begutachtete ich den Stab. Er sah ganz normal aus. Aus Metall gefertigt, mit feinen Einkerbungen. Nur an den beiden Enden war eine hölzerne Spitze befestigt. Ich Bückte mich und wollte den Stab aufheben, da ertönte Siras Stimme hinter mir: „NEIN! Nicht berühren“. Ich zuckte zusammen. Sira hatte sich einen Verband um den Hals gewickelt und noch zusätzlich Massen an Desinfektionsmittel drübergeschüttet um den Blutgeruch zu verdrängen. Sie band sich einen Zopf während sie auf mich zu kam und sich ebenfalls in die Hocke begab. „Dieser Stab wurde geweiht und die Holzspitzen wurden in Weihwasser getränkt. Das könnte für dich schmerzhaft werden“ Ich sagte nichts und richtete mich auf. Stumm beobachtete ich wie Sira den Stab nahm und mit einer Handbewegung ineinander schob, so das er nur noch eine Unterarmlänge groß war.
Sie stopfte Stab in die Tasche, die am Boden lag und drehte sich zu mir. Als sie sah, dass ich in ihr die Gefahr sah, trat sie einen Schritt auf mich zu. Ich wich zurück.
„Hey, ich bin auf deiner Seite“, sagte sie vorsichtig
Ich schnaufte und antwortete: „Und woher soll ich das Wissen … Vampirjägerin, jetzt weiß ich was du bist. Auf der Suche nach uns, um uns einen qualvollen Tod zu bescheren. Welchem Clan gehörst du an?“
„Ryan. Ich bin nicht hinter dir – “
„Welchem Clan?!“, fuhr ich sie an
„Sol“, sagte sei leise, doch fügte sie hastig hinzu, „Aber wirklich Ryan ich will dich nicht töten.“
Sol. Ich setzte mich an Computer und gab es in die Suchmaschine ein. Zuerst kamen nur viele Artikel über die Sonne und ihre Bedeutung in unserer Welt. Sol + Vampir und enter.
Nun wurden es wesentlich weniger Artikel. Gerade mal 4 standen zur Auswahl. Ich klickte auf den ersten und kam auf eine mystische Seite. „Freaks“, dachte ich mir. Ich scrollte hinab und las mir den Text durch
„Vampirjäger sind Clane , welche sich darauf spezialisierte Vampire aufzusuchen und zu vernichten.
Ihre Existenz ist nicht bewiesen, da die wenigen die sich als Jäger ausgeben dies meistens nur als Hobby ausüben und davon überzeugt sind, dass es diese Wesen hauptsächlich in Büchern und Filmen gibt.
Sie arbeiten mit Holzpflügen, Knoblauch, Weihwasser und Kreuzen um ihre Opfer zu vernichten.
Die meistverbreitete Waffe ist der Holzpflock. Wenn man diesen durch das Herz eines Vampirs stößt, so heißt es, soll dieser einen Qualvollen Tod erleiden.
Weihwasser brennt angeblich große Wunden in die Haut der Vampire und … „
Ich überflog die einzelnen Arten wie man angeblich einen Vampir tötet und kam zu den Verschiedenen Clanen. Gleich als erstes war in einer großen Überschrift der Name Sol zu erkennen rechts war das Zeichen mit der Sonne und dem Kreuz im inneren abgebildet, links davon war ein kleiner Text geschrieben.
„Sol, die (lat.: Sonne). ‚Die Gesandten der Sonne’, wie sie sich gerne nennen. Sie sind die Elitegruppe unter den Jägern. Spezifisiert auf Vernichten der Vampire. Ihre Lehrlinge werden mit speziellen Waffen und Kampftechniken ausgerüstet. Ihr Oberhaupt ist ein Priester, welcher selbst angeblich schon einem Vampir über den Weg gelaufen sei.
Trifft ein Vampir auf ein Mitglied dieses Clans, kann er gleich aufgeben, da er mit Sicherheit in einem Kampf verlieren und getötet wird.
Niemand kennt ihre Waffen, da sie streng geheim sind und untergrößten Vorsichtsmaßnamen hergestellt werden “
Ich lehnte mich auf meinem Sessel zurück und seufzte.
„OK ich weiß, dass ich mich nicht wehren kann, also was bleibt mir noch, wenn eh alles aussichtslos ist?“
Niemand antwortete mir. Ich drehte mich um und sah, dass ich allein war. Sira war verschwunden. Ich stand auf und ging auf den Gang hinaus. Ich hörte wie es in der Küche schepperte. Ich blieb im Türrahmen stehen.
„Was tust du da?!“, schrie ich
Sira hatte meine Blutreserven auf den Tisch gestellt. Sie zählte die Gefäße sorgfältig. In der rechten Hand hielt sie eine Pipette und entnahm aus jedem Röhrchen eine Probe.
„Du hast zu wenig davon“
„Hab ich gar nicht!“, erwiderte ich „Ich habe genug für ein ganzes Jahr. Ich brauch nur noch eine Einheit pro Monat.“
„Ach ja? Und was war dann das heute Früh?“
„Ein Unfall.“
Sira schüttelte den Kopf während sie die Proben beschriftete und zustöpselte.
„Ryan, weißt du eigentlich was mit dir passiert?!“
Ich schaute sie verständnislos an
„Weißt du warum alle so gespannt auf deinen 17 Geburtstag sind?“
„Weil die Vampire entscheiden werden ob ich bei ihnen aufgenommen werde oder ob ich weiter alleine leben darf“
Sira seufzte ,legte Pipette und Stift beiseite und setzte sich auf den Stuhl.
„Ja auch, aber das hat eine tiefere Bedeutung. Ryan, hast du dich wirklich nie mit deinesgleichen auseinandergesetzt?“, fragte Sira vorwurfsvoll, doch erwartete sie keine Antwort und erklärte weiter, „Nachdem ein Vampir gebissen wird dauert die Verwandlung ein Jahr. Reißzähne wachsen, die Haut wir empfindlicher, der Geruchssinn und die Augen schärfer, die Umstellung auf die Neue Nahrung. Vor allem die Vorbereitung auf das erste ‚große Mahl’. Die erste Nacht in der du den ersten wirklichen Blutdurst spürst. Jäger versuchen die Vampire möglichst vor diesen Tag auszurotten, doch werden die Jungvampire meist gut von den älteren geschützt. Mit der Nacht in der du wirklich Hunger hast bekommst du sozusagen die Volljährigkeit als Vampir. Du bist dann vollkommen umgewandelt und durch das Blut verstärkst du deine Kraft und wirst unbesiegbar, wenn man nicht gerade die richtigen Waffen besitzt.“
„Ja und? Was ist daran so schlimm“
„Du bist an diesem Tag höchst gefährlich. Nur wenige könnten dich aufhalten wenn du die Kontrolle über dich verlierst. Deswegen wollen dich die Vampire wieder in ihren Fängen haben. Doch sie hätten nicht damit gedacht, dass du es so lange aushältst ohne einen Menschen anzufallen. Deswegen versuchen sie dich jetzt zu manipulieren. Eigentlich sollte es uns alle erschrecken, dass du es so lange geschafft hast. Das zeigt von großer Entschlossenheit, doch wenn das Umschlägt und du immer mehr Blut willst, kann das eine große Katastrophe ergeben. Du würdest jeden beißen der dir in den Weg kommt und nicht mehr von Gut und Böse unterscheiden. So gesehen sollte ich froh sein, dass die Vampire dich wollen, dann haben wir das Problem vom Hals, denn die würden dich schon beruhigen. Doch wenn wir es schaffen würden dich auf unsere Seite zu bringen wärest du schon der 10. Vampir der sich für das Gute entschieden hätte.“
Im Raum war es totenstill. Nur der Kühlschrank gluckste leise. Ich erwachte aus meiner starre und stützte die Hände auf den Tisch. Das was mir Sira da offenbarte musste ich erst einmal verarbeiten. Es kam mir vor als stünde ich eine Ewigkeit da bis ich auf einen Sessel sackte und begriff was alles auf dem Spiel stand.
„Ich könnte jemanden töten“, sagte ich tonlos.
Sira nickte langsam. Ich war geschockt. Alles verlief bis jetzt nach Plan. Ich machte mir keine Gedanken ob ich irgendwann zu den Vampiren käme oder nicht. Für mich war das selbstverständlich. Doch nun hat alles einen Hintergrund, einen Hintergrund der mir einen großen Strich durch die Rechnung machte. Ich konnte hier nicht weiterleben, das wäre zu gefährlich für alle in meiner Umgebung. Denn wenn ich an meinem siebzehnten Geburtstag völlig ausraste und niemand da ist der mich zurückhält … was dann? Was wäre das schlimmste was passieren würde. Ich sah Will vor mir, wie er mich mit leeren, weit Aufgerissenen Augen anstarrte und Blut über seinen Hals rann. Ich erinnerte mich an meinen Traum.
„Und du sagst es gibt noch andere die sich gegen die Vampire gewendet haben, obwohl sie selbst welche sind?“
Sira lächelte siegessicher
„Ja! Sie sind sehr glücklich und zufrieden, auch wenn der Weg hart war. Eigentlich haben es viele versucht aber eben nur diese neun haben es geschafft.“
„Und was ist – „
„Die sind zurück zu den Vampiren“, beantwortete Sira meine Frage bevor ich sie fertig stellen konnte.
Ich vergrub meinen Kopf in meine Hände.
Genau zwei Wochen waren es noch hin bis zu meinem Geburtstag und den Prozess. In zwei Wochen und zwei Tage war der erste Jahrestag vom Tod meiner Eltern und meinen werden zum Vampir.
Sira holte ihr Handy und wählte eine Nummer. Sie sprach kurz mit der Person, die am anderen Ende der Leitung abhob und legte wieder auf. Dann stand sie auf und verließ das Haus. Paar Minuten später fuhr ein Auto in meine Auffahrt und eine Person stieg aus.
Das alles bekam ich nicht mit, da ich mich durch die Hintertür hinaus schlich und in den Wald rannte.
……………….wo ist kapitel 2 ?